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Barbara Rütting

Gedanken zum Rücktritt als Abgeordnete des Bayerischen Landtags ...
Und Rede bei der Demo gegen die letzten in Deutschland stationierten Atombomben

 


 Liebe Freundinnen und Freunde,

Hinter mir – hoffentlich hinter mir – liegt die schwierigste Etappe meines bisherigen Lebens.  Dies zur Erklärung des langen Schweigens.
Der Entschluss, mein Mandat als Abgeordnete des Bayerischen Landtags vorzeitig zurück zu geben, ist mir nicht leicht gefallen - zumal ich ja 2008 einen phänomenalen Wahlerfolg erzielte - war aber rückblickend richtig. Hätte ich, wie mir immer wieder geraten wurde, die vier übrigen Jahre aussitzen sollen, mich nur mit halber Kraft einbringen und dann eine fette Pension kassieren sollen? Hätte nicht zu mir gepasst.
So habe ich gerade noch die Kurve gekriegt, nachdem ich schmerzlich erkennen musste, wie wenig meine parlamentarischen  Anstrengungen tatsächlich bewirkten, und dass ich auf die Dauer daran kaputt gehen würde. Alle Anträge vor allem im Tierschutz wurden immer wieder von CSU und FDP abgelehnt. Hätte ich mich noch weitere 4 Jahre in der Gaststätte mit Ernährungsvorschlägen an die Abgeordneten abplagen und mich anpflaumen lassen sollen, an der Leberkäsetheke hätten  doch mehr Leute gestanden als am Salatbufet? Der Vorstand meiner grünen Fraktion lädt weiterhin die Presse zum Weißwurstessen ein.  Es wird nur gelächelt wenn ich sage: Weißwurst, das sind zermantschte Kuh – Kinder, ihren weinenden Kuh-müttern entrissene lebensfrohe Kälbchen.
Der grüne Vorstand feierte gemeinsam mit den Vertretern der übrigen Fraktion die  von den Jägern veranstaltete Hubertusmesse. Für mich nicht nachvollziehbar. Nächstes Mal werde ich ebenfalls dabei  sein – aber auf Seite der Jagdgegner!
Zum Glück hat mir meine Gesundheit  mit mehrfachen Herzkreislaufzusammenbrüchen signalisiert: Mach Schluss! 
Ich war mein Leben lang radikal und ich werde es bleiben. Will mich auch nicht ständig mit Intoleranz und engstirnigen Vorurteilen auseinander setzen, mich rechtfertigen müssen, warum ich wo wann mit wem wofür demonstriere. Ich will mich wieder ent-sklaven.  Auch wenn  diese Entscheidung  große Einschnitte mit sich bringt - kein Büro mehr, keine (gut bezahlten) Mitarbeiter mehr, keine  gratis Fahrkarte erster  Klasse in allen Zügen  kreuz und quer durch die Bundesländer . Das trifft härter als erwartet.  Wie schnell man sich doch an Privilegien gewöhnt!
Hinzu kam, dass der Tod eines geliebten Hundes meinem Lebensnerv einen wohl irreparablen Riss versetzte  und ein Umzug zu bewältigen war. Ich konnte ein kleines Haus im Spessart kaufen, ganz in der Nähe der Klinik, in die ich seit Jahren zum Fasten und Auftanken gehe. Neben  2 Büros musste ich also auch noch einen Haushalt auflösen, und  das alles mit schweren Herzrhythmusstörungen. In manchen  Situationen hilft auch kein Frischkornbrei mehr  und kein Melissentee, da muss mensch in seine Wut, Verzweiflung und Trauer  hinein  gehen, immer wieder, wie ich das ja bei Meister  Osho gelernt und in meinen Büchern immer wieder beschrieben habe.
Einigermaßen wieder auf den  Beinen, habe ich gleich an einer Demo in Büchel gegen die letzten  in Deutschland stationierten Atombomben teil genommen, zu der ich übrigens nicht als Grüne, sondern als Friedensaktivistin eingeladen war. Meine Rede und ein  Foto von der 
 Schlussveranstaltung beim  Fliegenlassen eines Luftballons  findet Ihr weiter unten.
Bitte nehmt möglichst zahlreich teil an der Anti – Atom- Kundgebung  am 6. September in Berlin, und vor allem: Wählt richtig! Schwarz – Gelb wäre eine Katastrophe, für Mensch,  Umwelt und Tier! Das müssen wir verhindern!
Und lasst uns weiterhin nach dem Mutlanger  Credo handeln:

 Das weiche Wasser bricht den Stein! Unser Mut wird langen!
Barbara


                                                                           
Rede bei der Demo gegen die letzten in Deutschland stationierten Atombomben
Büchel am 8. August 09

Liebe Friedensfreundinnen und - freunde!

Ich dürfte wohl eine der ältesten noch lebenden Friedensaktivisten sein, bin schon 1958 in München mitmarschiert gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands, bin in Mutlangen bei den Pershing – Blockaden fest genommen worden, habe in Wackersdorf protestiert und und und .
Deshalb freue ich mich sehr, dass ich heute bei Euch sein kann, um die Forderung
 „  Unsere Zukunft atomwaffenfrei“ zu unterstützen. Es darf ja wohl nicht wahr sein, dass mitten in der Eifel, auf dem Fliegerhorst des Jagdbombergeschwaders bei Büchel immer noch 20 amerikanische Atombomben lagern und deutsche Tornado – Piloten  den Abwurf dieser Bomben üben dürfen – deklariert als „ Nukleare Teilhabe“ in der NATO!
„ Unsere Zukunft atomwaffenfrei“lautet das Motto der diesjährigen Friedensaktionen. Wir fordern den Abzug aller Atomwaffen aus Deutschland!
Ich hatte mich schon darauf gefreut, mit Euch über Zäune zu klettern wie damals in Mutlangen beim Protest der Ärzte gegen Atomtod – aber wie ich höre, ist das heute nicht geplant, wir werden eine symbolische Sitzblockade veranstalten, auch gut. Ich habe dazu mein aufblasbares Sitzkissen aus der Mutlangenzeit mitgebracht.
Ich war 6 Jahre lang von 2003 bis 2009  im Bayerischen Landtag Abgeordnete der Grünen, Sprecherin für Ernährung, Verbraucher- und Tierschutz  und als Älteste die Alterspräsidentin. Habe immer wieder versucht, mich für ein friedliches Zusammenleben von Mensch, Tier und Umwelt einzusetzen. Die Erkenntnis, wie wenig ich in diesem Landtag bewirken konnte, ganz besonders im Tierschutz, hat mich krank gemacht, so dass ich im April mein Mandat vorzeitig zurück geben musste. Bin gerade erst dabei, wieder auf die Füße zu kommen. Ich vermute, dass ich außerparlamentarisch letzten Endes mehr erreichen kann, und ich möchte mir auch vorn niemandem vorschreiben lassen, wann und wo ich mit wem demonstrieren darf.
1984. also vor mehr als einem viertel Jahrhundert,  hat die Lehrerin Lotte Rodi
mit Vertretern verschiedener Gruppen der Friedensbewegung den Verein
 „ Friedens- und Begegnungsstätte Mutlangen“ gegründet. Seither ist die Pressehütte Mutlangen Symbol des Lebens und der Hoffnung. 1984 fand auch die berühmte „ Promiblockade“ statt, an der unter anderen Erhard Eppler, Horst Eberhard Richter, Heinrich Böll, Petra Kelly, Gert Bastian, Walter Jens , Dorothee Sölle, Robert Jungk und Dietmar Schönherr teilnahmen. Wir diskutierten damals lang und breit über Sinn und Unsinn der ganzen Mutlangen- Blockaden, die ja besonders von den  so genannten christlichen Parteien ständig lächerlich gemacht  wurden, bis der temperamentvolle Schweizer Pestalozzi  plötzlich schrie: Über den Zaun des Raketen – Depots hätten wir Promis klettern sollen! Es wäre doch großartig gewesen, wenn sie uns alle eingesperrt oder noch besser erschossen hätten…
Tatsächlich wurden die „ normalen“ Blockierer von der Polizei schlechter behandelt als wir so genannten Promis. Deshalb bin ich auch immer wieder als Normalo nach Mutlangen gefahren und auch wie diese fest genommen worden - trotz meiner auf Pappe gemalten Botschaft: Bruder Polizist, Bruder Bundeskanzler – ich sitze hier auch für dich und deine Kinder“.

Viele sind schon mehrmals festgenommen worden, sprechen in Termini wie: Hab überlegt, ob ich mir heute oder morgen eine Festnahme leiste – geben ihren letzten Groschen, den letzten Knopf, damit dieser Wahnsinn endlich ein Ende findet.
„ Diesmal können wir uns nur eine Festnahme leisten“, sagt eine Frau, „ diesmal ist mein Mann dran. Das geht ja ganz schön ins Geld.“
„ Das weiche Wasser bricht den Stein“ - unser Motto . ursprünglich von Lao – Tse, chinesischer Philosoph  vor Hunderten von Jahren.
Es stimmt wohl – aber es dauert, es dauert …..


Im Bundestag sangen sie zur Stationierung der Pershings „ so ein Tag so wunderschön wie heute“, während wir im Schneematsch saßen, und Bundeskanzler Kohl höhnte: Die demonstrieren, wir regieren!
Die Mutlanger Bevölkerung reagierte unterschiedlich. Viele sympathisierten, brachten heißen Tee und Essen.
Hier ein paar Aufzeichnungen aus meinem Tagebuch:
Ein Wirt: Hier haben seit jeher Waffen gestanden, unter den Nazis, als ich Kind war, später die Pershing I, warum regt ihr euch plötzlich über die Pershing II auf? Weil wir endlich alle Waffen weg haben wollen! Der Wirt hat weniger  Angst vor den Pershings als davor, dass wieder mal eine bei dem ewigen Herumkutschieren vom Transportwagen fallen könnte, wie das ja bereits geschehen ist.
„ Unser Leben ist völlig von den Pershings geprägt, erzählt eine Kellnerin. „ Unser kleiner Sohn Simon kam neulich mit einem dicken Honigbrot. Hast du gebettelt? fragte ich ihn.  Nein, sagte er, man muss nur in die Pressehütte gehen, die geben allen was.  Die Kinder spielen nichts anderes als Demonstrant und Polizist. Hier ist Sperrgebiet, verkündet Simon zum Beispiel. Und neulich saß er vor der Küchentür auf dem Fußboden: Ich blockiere! Und was willst du mit deiner Blockade erreichen, Simon? fragte ich ihn. Ich will Grießbrei mit ganz ganz viel Nutella, war Simons Antwort. Als Berufswunsch gibt Simon an: Demonstrant! Die Kinder haben Angst vor den Pershings, wir Eltern sprechen mit ihnen offen über die Gefahren“.

Ich bringe einen Stapel Briefe zur Post. Na, wieder im Einsatz? fragt mich der Postbeamte. Er betrachtet die Aufkleber auf den Briefumschlägen „ Schluss mit Tierversuchen“, betrachtet den geschundenen Affenkopf, dem man Metallstäbe eigerammt hat. Der Versuch am Tier – Vorbereitung auf den Menschenversuch. Auch die Waffen wurden und werden immer noch an Tieren  getestet. Wir sprechen über den Unfall vom Vortag. Die sollen nicht so viel im Nebel herumkutschieren, meint er. Ich liefere wieder mein Sprüchlein ab, dass die Friedensbewegung, wie ich sie verstehe, die Abrüstung in West und Ost meint.


Am Drahtzaun zum Raketendepot befestigen wir mit bunten Bändern Kinderfotos, Fotos von weißen, gelben, schwarzen Kindern – so dass auch die Soldaten auf der anderen Seite des Zauns sie sehen können, Soldaten, hin befohlen, um die Mordwaffen vor uns friedlichen Demonstranten zu schützen.
Manche von ihnen  wenden sich verlegen ab, andere  grüßen mit einem verstohlenen „ Hi“, einige weinen.
Unser Mut wird langen, singen wir immer wieder trotzig…

A propos Mut: MUT ist auch die Abkürzung einer viel versprechenden Partei, der Partei Mensch – Umwelt – Tier …
Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten, nicht den Krieg. Das ist unsere Aufgabe. Krieg darf kein Mittel der Politik mehr sein!
Oder um es mit Eugen Drewermann zu sagen: Krieg ist Krankheit, keine Lösung!
Ein berühmter Reporter, ich glaube, Hemingway, wurde von seiner Zeitung nach Kuba geschickt, um über die dortigen Unruhen zu berichten. Er kabelte  - so nannte man damals – an seine Zeitung: Ich komme zurück, hier gibt es keine Unruhen!
Darauf telegrafierte die Zeitung: Bleiben Sie dort – für die Unruhen werden wir sorgen. So werden Kriege gemacht.

Im  August 2004, also 20 Jahre nach den Mutlangenblockaden, war ich als
„ Zeitzeugin“ zu einer Diskussion nach Stuttgart eingeladen.Teilnehmer auch Lotte Rodi, einer der Richter, die uns damals verurteilten, und der Einsatzleiter der Polizei, der uns fest nehmen ließ. Trotz brütender Hitze war der Saal – am Sonntagnachmittag! brechend voll.
 Einige Richter hatten sich inzwischen dem Gedankengang von Professor Küchenhoff angeschlossen, dass unser Protest gegen Massenvernichtungswaffen  aktiven Verfassungsschutz bedeutet.
Die Diskussionsleiterin fragte mich: „ Ich frage jetzt nicht die Privatperson Barbara Rütting, sondern die Abgeordnete im Bayerischen Landtag: Sind Sie nach wie vor der Meinung, wo Unrecht Recht ist, wird Wiederstand zur Pflicht? Würden Sie wieder handeln, wie Sie gehandelt haben?“

Meine Antwort war: „ Selbstverständlich würde ich wieder so handeln, als Mensch – und als Abgeordnete!“
Vor Jahren sagte mir übrigens ein ehemaliger DDR – Minister, unsere Demos und Blockaden gegen die Pershings hätten sehr wohl dazu beigetragen, Friedensbewegte auch in der DDR zu mobilisieren, hätten zu den Montagsdemonstrationen ermutigt. Wir haben unsere waffenlosen Hände ausgestreckt, Menschenketten gebildet, haben denen auf der anderen Seite der Mauer  die Angst vor uns „ Kapitalistenschweinen“ genommen, haben ihnen, die bisher sprachlos waren, Mut gemacht , ebenfalls den Mund aufzumachen, ihrerseits Friedensgruppen zu bilden, Friedenslieder zu singen

– wir sind das Volk, und das Volk will den Frieden.  Selbstverständlich hat die so  oft tot gesagte Friedensbewegung einen erheblich Anteil am Fall der Mauer.

Wir wollen ein atomwaffenfreies Deutschland - spätestens 2010!
Präsident Obama hat die dringende Abrüstung der Atomwaffen auf die Agenda gesetzt. Wir wollen eine atomwaffenfreie Welt bis spätestens 2020!
Leute, dann werden wir aber ordentlich mit einander feiern!
Zum Schluss ein schöner Satz von Franca Magnani:
,,Je mehr Bürger mit Zivilcourage ein Land hat, desto weniger Helden wird es einmal brauchen“.
Unser Mut wird langen!



Hund