Wort zum Wochenende für die "Leipziger Volkszeitung" am (26./27.9.) von Pfr. Dr. Ulrich Seidel, 1. Vorsitzender von Aktion Kirche und Tiere (AKUT) e. V.
Darwin – die unvollendete Revolution
Es ist „Darwin-Jahr“. Der Paukenschlag kam vor 150 Jahren. Charles Darwin konfrontierte die christliche Welt mit der Tatsache, dass der Mensch nicht „von oben“ als Extra-Anfertigung in die Welt gesetzt wurde, sondern „von unten“ aus der Welt des Lebendigen herausgewachsen ist. Wir sind das bisher letzte Glied der Lebenskette und Spätankömmlinge der Schöpfung. Ein nackter Affe statt „Krone der Schöpfung“? Das traf die Menschen hart in ihrem Stolz und ein Weltbild geriet ins Wanken. „Wenn das stimmt, dann betet zu Gott, dass es keiner erfährt“, so die Frau eines englischen Bischofs. Es sei allein die „Arroganz des Menschen“, sich für eine Sonderschöpfung zu halten, so der Begründer der modernen Biologie, denn der Unterschied zwischen Mensch und Tier ist „graduell, nicht prinzipiell“. Jeder, der ein Tier hat, weiß das, denn die Verwandtschaft ist mit Händen zu greifen. Menschen und Tiere haben die gleichen Sinne, also müssen auch ihre Empfindungen vergleichbar sein. Sie können sich freuen, sie leiden, empfinden Schmerz, haben Intelligenz und soziales Verhalten. Man kann sich vom „Tiersein“ des Menschen nur beleidigt fühlen, wenn man Tiere als etwas Minderwertiges ansieht. Und so werden sie auch behandelt: in der Massenhaltung „leben“ 26 Grillhennen pro m2, Kälbchen und ihre Mütter werden nach der Geburt getrennt und brüllen eine Woche nacheinander, Ferkeln werden die Hoden ohne Betäubung herausgeschnitten, Hunde im Labor zu Tode gequält und Lebensräume sind großflächig zerstört... Das Sündenregister des gewalttätigsten Lebewesens, das je die Erde betreten hat, ist lang. Behandelt man so seine Verwandten der Schöpfung, nur weil man stärker und gerissener ist als sie? „Solange es Schlachthäuser gibt, wird es auch Schlachtfelder geben“, sagte Leo Tolstoi und die Gewalt des Menschen gegen Tiere ist nur die andere Seite der Gewalt gegen sich selber. Charles Darwin lehrt uns die Verwandtschaft alles Lebendigen. Wir sind Geschöpfe unter Geschöpfen, um es christlich auszudrücken.
Darwins Revolution ist noch nicht ausgefochten. Es wird wohl noch dauern, bis der homo sapiens von seinem hohen Ross herunter steigt und Mensch wird – wenn er nicht vorher herunter fällt.
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