Liebe Gemeinde! Heute möchte ich meine Predigt mit einer kleinen Missionars-geschichte beginnen: Ein Missionar geht in den Urwald. Er wandert tagelang einsam durch das grüne Dickicht. Körperlich völlig an seine Grenze geraten, hält ihn nur noch sein Glauben aufrecht. Und dann die plötzliche Erlösung; er trifft auf ein Naturvolk. Seine Aufnahme ist liebevoll und herzlich; welch ein Freude tut sich in ihm auf! Das Naturvolk hört mit großem Interesse die Verkündigung der Liebesbotschaft Christi. Es herrscht Einigkeit. Es ist wie in einer Familie. Der Missionar ist voller dankbarer Freude, dass Gottes guter Geist auch hier in der grünen Einsamkeit wirksam ist. Nach den Strapazen der Wanderung und der Aufregung der missionarischen Verkündigung braucht der Missionar nun aber dringend Erholung. Er wird in ein Zelt geführt, in dem ein manns-großer Krug steht, der von unter sogar befeuert wird. „Wie kultiviert“, denkt der Missionar, „sogar eine warme Badewanne!“. Voller Freude steigt er in das Bad. Ab und zu kommen sogar Frauen, die Holz nachlegen. „Wie lieb sie sind“, ist der letzte Gedanke des Missionars, als er voller Wonne im heißen Bade einschläft. Als er später erwacht, ist ihm sehr heiß. Zu heiß! Und so springt er aus dem Bottich und will sich an der frischen Luft abkühlen. Als er aus dem Zelt schaut, verschlägt es ihm allerdings die Sprache. Eine lange Tafel ist errichtet und ihm wird klar: seine neuen Freunde sind Menschenfresser! Er stellt seine Gastgeber zur Rede: „Waren wir uns nicht einig, was Liebe ist?“ Sie antworten: „Ja!“ Erstaunt fragt der Missionar weiter: „Warum wollt ihr mich dann jetzt kochen und essen? Sie antworten: „Wir haben dich zum Fressen gern! Liebe geht durch den Magen.“ „Ich habe dich zum Fressen gern!“ Das habe auch ich schon mehrmals gehört. Nicht, weil ich Missionar im Urwald war, sondern als Pastor in einer deutschen, christlichen Großstadtgemeinde. Im Kindergarten oder im Mutter-Kind-Kreis erlebe ich immer wieder Mütter, die ihre kleinen Kinder innig liebkosen. Sie küssen es. Sie schnabulieren an dem Kinde herum. Sie scheinen in eine Art Kurzrausch geraten zu sein, ganz oral-nasal vertieft und der Realität enthoben. Und nachdem der Speckbauch oder der kleine Prallefuß von den Lippen der Mutter verlassen worden ist, kommt der innige Seufzer: „Ich habe dich zum Fressen gern!“ Laut Aussagen meiner Mutter, war sie damals auch ganz verliebt in meine Füße und hat sie zu gern geküsst. Diese Vorstellung lässt mich heute wahrscheinlich so ähnlich dreinblicken, wie der Missionar, als er ins Freie trat. Willkommen in der Realität der Gefühle! Liebe und Essen bzw. orale Zuwendungen haben eine auffällige Verbindung: Liebe geht durch den Magen! Dazu eine kleine zweite Geschichte: Ein Inder wurde gefragt, wie seiner Meinung nach, ein Deutscher Christ aussieht? Er antwortet: „Er ist blass, übergewichtig, trinkt gerne Bier und isst Eisbein mit Sauerkraut. Beim Ihm geht die Liebe durch den Magen!“ Ist das Christentum wirklich ein Volk der Fleischfresser? Schon in der Kirchengeschichte wurde die Christenheit von anderen Religionen als „Fleischfresser und Blutsäufer“ bezeichnet. Das lag aber an der Abendmahlslehre. Der Inder bezog sich allerdings nicht auf diese spitzfindigen theologischen Abendsmahlsinterpretationen, sondern auf das reale Verhalten der Christenheit. Und danach beurteilt, wären das Christentum in der Tat ein Volk der Fleischfresser. Und gerade wir Deutschen wären „Christen par excellence“: kaum jemand isst mehr, kaum jemand hat größere Schlachthäuser, kaum jemand beherrscht perfektere Akkordschlachtung und sterilere Verwurstung! Wir reden nicht nur über die Liebe, sondern wir praktizieren sie auch. „Ich habe die zum Fressen gern!“ Das betrifft Hühner, Lämmer, Schweine, Kühe, Pferde, Fische, Schnecken, Muscheln und und und. Alles wird liebkost, gekocht und gefuttert. Liebe geht halt durch den Magen! Sigmund Freud hätte allerdings seine Bedenken: Eine krankhafte Entwicklung würde er diagnostizieren: Die „orale Phase“ ist wohl nicht ganz befriedigend durchlaufen! Tierschützerinnen und Tierrechtler haben ebenfalls Bedenken: Sie beklagen: Mangelnder ethische Umgang mit den Tieren! Krankenhäuser und Ernährungsberatungen äußern ebenfalls Bedenken: Der ungebremste Fleischkonsum ruiniert die Gesundheit! Theologinnen und Pastoren äußern ebenfalls immer umfangreicher ihre Bedenken: Dieses Leib- und Magen-Verhalten entspricht nicht dem biblischen Liebesgebot! Gott hat doch nicht gesagt: „Iß alles auf, was ich geschaffen habe!“ Und sein Paradies war keine „Freilandhaltung“. Wir stellten uns das einmal vor: Das Paradies als Nahrungsquelle Gottes! Immer wieder langt Gott zu und nach und nach verschwinden immer mehr Tiere aus dem Paradies. Gottes Liebe geht halt durch den Magen. „Naja“, könnte der Mensch sagen, „so ist halt das Leben. Es gibt ja noch Schlimmeres!“ Wie bei den Tieren z.B. - Käfighaltung! Wir haben wenigstens noch vor der Schlachtung Bewegungsfreiheit. - Selektion der männlichen Population! Der arme Hahn wird nicht fett und kommt kaum geboren lebendig in den Schredder. - Kastration ohne Betäubung! - Analog zum Spanferkel den Babyspieß oder zum Kalbsragout Kindergeschnetzeltes. - Oder ähnlich wie bei Hiob! Gott verpachtet ein Stück seines Paradieses an den Teufel als Jagdrevier. Wie gut, können wir da nur sagen, dass Gott kein Mensch ist bzw. keine Menschen ißt! Gott versteht unter Liebe und Miteinander etwas ganz anderes. Ich zitiere aus dem biblischen Schöpfungsbericht (1. Mose 1,27-31a): Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht. Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise. Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und so geschah es. Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe es war sehr gut. Liebe Gemeinde! D.h. doch, wenn das Paradies keine Freiland-haltung ist und Gott keine Geschöpfe tötet, um sie zu essen, wo ist dann unsere göttliche Ebenbildlichkeit, die im eben gehörten Bibelvers festgehalten ist? Ist sie weg? War sie nie da? Hat sich die Bibel in uns geirrt? Oder ist sie -gemäß dem Gleichnis vom Sämann (vgl. Mt. 4)- unter die Dornen gefallen? Die Frage des diesjährigen Kirchentages im Frühjahr stellt sich uns auch noch im Herbst (gerade zum Erntedank und besonders im Gottesdienst für „Mensch und Tier“): „Wo bist Du, Mensch?“ Bzw. „Wo, Mensch, ist deine göttliche Ebenbildlichkeit (gemäß 1. Mose 1)?“ Eine Verkümmerung des Gotteskindes im Menschen ist schon anfangs der Bibel nachzulesen. Gleich nach dem Paradies geht es los! Es gibt „Brudermord“ und dann die “Sintflut“. Die Verdunkelung des göttlichen Antlitzes beim Menschen ist bis heute weit fortgeschritten: Das Paradies wird leergefischt. Es wird wild gejagt und geklont. Menschen wie Tiere werden gefoltert und gequält. Die Gier ist grenzenlos. Das orale Bedürfnis scheint gar nicht zu befriedigen. Sind wir Menschen krank? Die christliche Theologie sagt ja! Wir Menschen sind krank und dementsprechend essen wir uns krank. Denn obwohl Gott kein Fleischfresser ist, pflegen wir die millionenfache Tötung unserer Mitgeschöpfe und deren Verzehr. Dieser Blutrausch bedeckt unsere Gottesebenbildlichkeit. Gott ist aber ein Gott der Liebe! Es opferte sich sein Sohn, Jesus Christus, lieber selbst, als dass er zum Schwert griff. Und wir hörten, dass alles gut war. Die Liebe Gottes ist stärker als der Drang zur oralen Befriedigung: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein (Mt.4)! Es gibt keine Käfighaltung, keine Kastration, keine Jagdlust. Alles ist gut, weil alles von Gott geschaffen ist, und mehr Wert, als es unsere Mehrwertgesellschaft vortäuschen will. Bei Gott gibt es keine Reduzierung der Lebewesen auf Verwertung und Wirtschaftlichkeit! Die biblische Geschichte von Gott und dem Menschen gerät immer mehr zu einer Persiflage „Vom Schöpfer und vom Fresser“ zu werden -oder die große, lange Erzählung „Vom Verlust der Gottesebenbildlichkeit“. Der Mensch ist nicht mehr Mensch, weil er krank ist –seelisch krank! Seine Erinnerungen an die Kindheit sind verloren. Kein Gefühl mehr an glückliche Stunden der Zärtlichkeit, keine Empfindung mehr an frühe Phasen der Zuneigung. Der Satz: „Ich habe dich zum Fressen gern!“, erweckt allein das Gefühl, einen anderen in die Pfanne hauen zu müssen! Das Christentum lebt versteckt vor Gott, wie Adam und Eva nach dem Sündenfall. „Wo bist Du?“, fragte schon damals Gott (vgl. 1.Mose 3,9). Wir sind Gottes fern wie Kain, der Abel erschlug. Es scheint, dass sich seit Millionen von Jahren, seit der Schöpfung des Menschen, nichts geändert hat. Dementsprechend seufzt die Kreatur mehr noch als zu Zeiten des Apostel Paulus (vgl. Röm. 8). Noch nie war die Welt so krank! Noch nie war das Paradies so fern! Noch nie war der Mensch so perfekt lieblos! Ist das das Ende vom Lied? Ist das der Anfang vom Ende? Der Missionar ist ausgestiegen. Er ließ sich nicht weich kochen! Die Mutter hat ihr Kind nicht geschlachtet, obwohl sie es zum Fressen gern hatte! Und Gott will Leben und schuf den Menschen nach seinen Bilde. Und für die Heilung unserer Krankheit sandte er seinen Sohn, Jesus Christus! Es geht also auch anders! Liebevoll, zärtlich, seelisch gesund! Wie authentisch wären wir doch als Christenheit, wenn andere von uns erzählten, dass Christen Menschen sind, die sehr behutsam mit sich und anderen umgingen; respektvoll im Umgang mit der Schöpfung und den Tieren. Blutvergießen würden vermieden. Vielleicht vernehmen wir dann auch wieder Gottes zärtliche Berührung: „Ich habe dich zum Fressen gern!“ Und plötzlich ist ein Vater im Himmel wie eine Mutter auf der Erde. Amen. Beispiel für einen Gottesdienstverlauf: Geläut Leise Musik (wegen der Tiere) Begrüßung Verhaltensregeln: Alles im Sitzen, bitte (wegen der Tiere)! EG 719: Psalm 36 im Wechsel EG 455 „Morgenlicht leuchtet“ 1. Lesung: 1. Mose 1,27-31 Glaubensbekenntnis für Mensch und Tier (front_content.php?idcat=82&idart=160) EG 508 „Wir pflügen und wir streuen“ Predigt: „Ich habe dich zum Fressen gern“ EG 407 „Stern, auf den ich schaue“ Informationen (Info-Tische, Einladung zum Gespräch etc.) EG 430 „Gib Frieden, Herr, gib Frieden“ Fürbitten Vaterunser Entlassung, Segen und Auszug Musik Geläut Predigt und Ablauf steht Ihnen hier auch als PDF Datei für den Download zur Verfügung(23 KB)
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