„Martin Luther und das Seufzen der Kreatur“
 Thesen zum Vortrag auf dem Kirchentag der Mitteldeutschen Kirche 
in Jena, 22. September 2013 

„Martin Luther und das Seufzen der Kreatur“
 Thesen zum Vortrag auf dem Kirchentag der Mitteldeutschen Kirche 
in Jena, 22. September 2013
 
von Dr. U. Seidel, Pfarrer
 
1. „Ich glaube, dass Gott mich geschaffen hat, samt allen Kreaturen“. 
Dieser Satz zur Erklärung des 1. Artikels des Credos ist als Grundsatzerklärung anzusehen, 
Mensch und Tier in einer Schöpfungsgemeinschaft zu verstehen. Tiere und Schöpfung lassen nach Luther 
den Menschen die Größe Gottes erkennen, ohne dass sich daraus ein Verhältnis von Solidarität oder Ethik 
zwischen Mensch und Tier ergäbe, wie es z.B. Albert Schweitzer fordert.

2.  Das Leiden der Kreatur deutet Luther als Ergebnis der Erbsünde, durch die der Mensch das Leiden in die Welt brachte. 
Das ist ein Stück Theologie-geschichte, für die Verhältnisbestimmung von Mensch und Tier tagt es heute nicht mehr. 

3. Ein Verhältnis zum Tier als Mitgeschöpf erfährt Luther durch seinen Hund Tölpel, 
der faktisch Familienmitglied ist. Erkenntnisse, dass der Hund menschenähnlich ist, „ihm nur die Sprache“ fehle, 
reflektiert Erfahrungen, die auch heute jeder Mensch mit Tieren machen kann. 

4. Aus diesen Erfahrungen resultiert, dass natürlich Hunde und damit Tiere „in den Himmel kommen“, 
das doch das Reich Gottes keine Wüste sei, sondern ein Ort des Lebens. Davon Ist Luther überzeugt.

5.  Dem entspricht das biblische Zeugnis vom Schöpfungsfrieden Jesaja 11, der die Tiere selbstverständlich einschließt. 
Das „Paradies“ ist ohne Tiere nicht vorstellbar, allein der Mensch hat es verloren. Das sind stehende Bilder und 
dem Tierfrieden der Endzeit entspricht das gewaltfreie Verhältnis von Mensch und Tier, wie der tief in den Urtexten 
niedergelegte vegetarische Gedanke zeigt.

6. Das Bild der Zusammengehörigkeit allen Lebens symbolisiert vor allem die Flutgeschichte und der Bund, 
den Gott mit allen Lebewesen und der Erde schließt, wobei er – anders als der Sinaibund – keine Verpflichtung 
des Menschen enthält.

7. Andere biblische Bilder symbolisieren den Frieden der Erlösung: die Krippenbilder oder die Versuchungsgeschichte 
des Markusevangeliums (1,12f.). 

8. Heute erleben Menschen in besonderer Weise die Gemeinschaft mit dem Tier durch ihre Heimtiere, 
durch Hobby oder Tiertherapie. Für Kinder spielen Tiere eine enorm wichtige Rolle, denn ein Kind erlebt das Tier 
als sehr menschenähnlich und selbst Luther staunte, welches innige Verhältnis Kinder zu Tieren haben.

9. In der Geschichte der Kirche ist das Thema des Tieres als Mitgeschöpf ein Totalausfall. 
In der Tradition der griechischen Philosophie, ihres Anthropozentrismus und Logozentrismus, 
hat auch die Kirche und Theologie einen prinzipiellen und abgrundtiefen Gegensatz zwischen Mensch und Tier 
gesehen und im Leib-Seele-Dualismus das Tier auf sie Seite der Sachen gestellt. Die Überhöhung des Menschen als 
gottähnlich („Imago dei“) hat ein Übriges dazu beigetragen.

10. Die europäische Kultur der Aufklärung in der Verabsolutierung des Denkens und des Menschen hat ein Weiteres dazu
getan (Descartes) und eine Art „Tiefenkultur“ eines unüberbrückbaren Unterschiedes zwischen Menschen und Tieren entwickelt.

11. Im Verhältnis zu den Tieren erleben wir heute eine ausgesprochene Paradoxie: das Glück der Tiere, 
die unter dem Tisch sitzen und das Pech derer, die auf ihm landen (Precht) oder das Schlachten des zuvor 
gestreichelten Tieres. 

12. Aus der Praxis des Umgangs mit dem Tier in der Industriegesellschaft hat sich eine vielfältige Reaktion ergeben. 
Der moderne Tierschutzgedanke wurzelt im Widerstand gegen die Tierversuche (Vivisektion) des 19. Jh. und hat sich in 
der Gegenwart ausgeweitet. Einen gewaltigen Impuls erfuhren Tierschutz und Tierethik durch die industrielle 
Massentierhaltung (entlarvende Begriffe sind Fleischproduktion, Tiermaterial).

13. Tiere werden in der Ethik als Mitlebewesen verstanden, die wie der Mensch leidensfähig sind und damit ist die 
Moralfrage gestellt. Alles, worüber der Mensch Macht hat, ist moralisch relevant. Die Tierethik ist die bedeutendste 
Bereichsethik in der Philosophie. Die Theologie ist davon nahezu unberührt.

14. In besonderer Weise steht das System der industriellen Massentierhaltung  im Focus, wo Tiere als Mitgeschöpfe 
des Menschen und Miterben der kommenden Welt milliardenfach „Schmerz, Leid und Schaden“ (Präambel des Tierschutzgesetzes),
auch einen oft qualvollen Tod erleiden. Industrielle Massentierhaltung (ein von deren Gegnern gebrauchter Begriff) 
reduziert sich nicht allein auf die konkrete Tierhaltung im Stall, sondern auf Zucht (oft Qualzuchten), Haltung, 
Medikamenteneinsatz (Antibiotikaresistenzen), Futtermittel aus der 3. Welt (Welthunger), Tiertransporte, 
Akkordschlachtung (Betäubungsfrage). Dazu kommen noch eine Fülle einzelner Probleme: Ferkelkastration, 
sofortige Trennung der Kälbchen von ihren Müttern, millionenfache Tötung von Küken, Enthornung der Rinder 
und noch vieles mehr. Es handelt sich um ein System, dessen einzelne Formen nicht isoliert gesehen werden dürfen.

15. Die Unterwerfung des Tieres unter den Menschen hat noch weitere Aspekte: Jagd, Sport, Hobby, Zirkus, 
das Artensterben etc.

16. Die Fragen nach der Moral stellt sich als Leidensfrage und Albert Schweitzer ist als Schrittmacher von größter 
Bedeutung. Eine Moral, die andere Lebewesen ausgrenzt ist unvollständig. „Ich bin Leben, das Leben will, inmitten von 
Leben, das leben will – Ehrfurcht vor dem Leben“. Auch Schweitzer hat mit seiner Ethik in der Kirche nie richtig Fuß 
gefasst.

17. Mit Charles Darwin und der Abstammungslehre wird der enge Zusammenhang zwischen Menschen und den anderen Tieren 
immer deutlicher. Eine rein anthropozentrische Betrachtung ist nicht mehr möglich. Aus der offensichtliche 
Verwandtschaft von Mensch und Tier ergeben sich moralischen Konsequenzen und Formen der Solidarität: 
Der Unterschied von Mensch und Tier ist graduell, nicht prinzipiell (Darwin) und je weiter die biologische Forschung 
voranschreitet, desto mehr verringert sich der Abstand zwischen den menschlichen und den nicht menschlichen Tieren.

18. In den letzten Jahren hat die Wahrnehmung des Leidens der Tiere weite Kreise gezogen und die vegetarische 
oder vegane Lebensform ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es ist eine Lebensform höchst vielfältiger, 
gesunder, tier- und mitweltschonender Ernährung. Sie hat das Potenzial, angesichts der Welternährungsprobleme, 
verfügbare Nahrungsressourcen in hohem Maße bereitzustellen. Hier sind die Industrieländer besonders in der Pflicht 
und die Kirchen ebenso, zumal die Bibel entsprechende Perspektiven der Verantwortung eröffnet.

19. Für eine Ethik der Mitgeschöpfe sind neben dem Schöpfungsgedanken, dem Lebensbund der Noahgeschichte oder dem Auftrag,
„das Evangelium aller Kreatur zu verkünden“ (Markus 16,15) prinzipiell zwei Gedankenkreise heranzuziehen: 
Das Samaritergedanke, der vom Gewaltopfer her argumentiert
Die „Goldene Regel: „Behandle andere so, wie du behandelt werden möchtest“ (Matthäus 7,12), auch in ihrer Umkehrung: 
„Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu“, als universale ethische Formel, 
lässt sich mühelos auch auf andere leidensfähige Wesen ausdehnen. 

20. Es ist ermutigend, dass sich die Kirche in vielfältiger Weise der Frage nach dem Umgang mit den Tieren als
Mitgeschöpfen öffnet in vielfältigen Basisaktivitäten (Mensch-Tier-Gottesdienste) und dass die Landessynode der 
sächsischen Kirche mit ihrem Beschluss „Keine industrielle Massentierhaltung auf Kirchenland“ Gemeinden und 
Bürgerinitiativen im Kampf gegen derartige Anlagen unterstützt und Mut macht zu einem Lebensstil, der den Fleischverzehr 
angesichts globaler Probleme einschränkt oder meidet. 
    
21.  Wir brauchen für den Umgang mit unseren Mitgeschöpfen keine neue Moral, sondern müssen die vorhandene nur auf 
sie ausdehnen.