Aus Liebe zum Leben - ein Papst redet Klartext

 

 

Aus Liebe zum Leben - ein Papst redet Klartext

von Friedrich Schorlemmer, Wittenberg

 

Dass ein Protestant aus Wittenberg über einen Papst begeistert sein könnte, das würde Martin Luther sehr verwundern.Aber hatte sich dieser nicht auch ganz im Geiste des Franziskus für die von Menschen eingefangenen Singvögel ebenso eingesetzt wie er demütig bemerkte: "Vor einem Baum, von dem Mann Schatten hat, soll man sich verneigen".


Die Welt ist in Gefahr. Der Globus wird durch uns Menschen in Gefahr gebracht - in einem voneinander abhängigen „interdependenten“ Oikos. Die Zeche für die ökologischen Krisen werden zuerst die sowieso heute schon Armen zu zahlen haben. Der Papst ist empört. Mit Recht. Er hat ein Manifest an die Welt gerichtet, das jedem Delegierten der Weltumweltkonferenz in Paris im Dezember unter das Kopfkissen gelegt werden muss, nachdem sie diese Enzyklika Satz für Satz gelesen haben. Foto: Sandy Rau


Er plädiert für Selbstbegrenzung gegen die herrschende Wachstumsideologie. Er polemisiert gegen die herrschaftlichen, zerstörerischen und irreversiblen Umgang mit der Natur, die wir anthropozentrisch zur Umwelt erklärt haben und die total zum beherrschbaren Ding gemachte Welt rücksichts- und voraussichtslos buchstäblich ver-brauchen.


Und er mahnt Demut und Bescheidenheit an, Dankbarkeit für das Leben und stimmt einen staunenden Lobpreis der ganzen Schöpfung an. Wir haben diese Welt als Lehen bekommen und das erste ist die Freude über diese Welt und die Schöpfung insgesamt. So hatte der Heilige Franziskus (damals durchaus im Konflikt mit dem Papst in Rom) in seinem Sonnengesang auch die Natur geschwisterlich gepriesen. Wo der Mensch sich einordnet in die ausbalancierten Lebenskreisläufe, kann er Mitmensch und Mitkreatur werden, sofern er die Maxime Albert Schweitzers berücksichtigt: "Ich bin Leben, das leben will, mitten unter Leben, das leben will." Die Naturkreisläufe des Lebens sorgen für das ökologische Gleichgewicht. Die Lebenszyklen werden mit herrschaftlichem Zynismus im inzwischen hemmungslos global agierenden Kapitalismus verletzt, etwa durch das Abholzen von Urwäldern ohne jede Nachhaltigkeit, schon gar nicht mit Nachpflanzen. Die Wüsten wachsen. Täglich. Die Überfischung selbst der Weltmeere ohne Fangquoten droht, die Schöpfung wird vernutzt, das Artensterben wird explosionsartig zunehmen, die Folgen der vom Menschen verursachten

Kohlendioxidausstöße wird die Welt bedrohlich erwärmen, die Permafrostregionen werden auftauen und Unmengen an Methan in die Atmosphäre Welt entlassen, was wiederum zu einer weiteren Erwärmung führen wird. Das Artensterben wird zunehmen.


Die Armen der Welt haben als erste die bittere Zeche zu zahlen für einen herrschaftlichen Zivilisationsweg, der einem Wachstumsfetischismus unterliegt und alle Dinge der Welt unter dem finanziellen Nutzen und Nutzwert bemisst. Der Mensch hat sich zu bescheiden, was allerdings nicht automatisch mit Glücksverzicht zu tun hat. Dem extensiven Leben setzt der Papst ein intensives entgegen. Er entdeckt in der Entfaltung der Spiritualität des Menschen den Reichtum des Lebens, statt in der Ideologie des immer Schneller, Höher, Mehr, Weiter, Größer zu verharren. Kluge Selbstbegrenzung wird angemahnt. Schließlich ist „die Erde des Herrn und was darinnen ist“ (Psalm 24)


Als ob er Karl Marx gelesen hat, drängt Franziskus darauf, daß wir der Menschheit, die nach uns kommen wird, einen bewohnbaren Planeten hinterlassen. Marx hatte geschrieben: Wir sind als Menschen dazu aufgerufen, als gute Haushalter künftigen Generationen die Welt in verbessertem Zustand zu hinterlassen.


In einer interdependenten Welt, wo alles von allem abhängt, brauchen wir einen weltweiten Konsens für nachhaltige und vielfältige Landwirtschaft, brauchen erneuerbare und möglichst umweltfreundliche Energieformen. Der Papst hat alle absehbaren globalen Gefahrenbündel benannt, bis hin zur geistigen Umweltverschmutzung durch die explosionsartige Vermehrung von Wissen ohne Wert.


Die Erde nicht weiter als ein Objekt behandeln, sondern allem in der Schöpfung einen Wert zusprechen, der sich nicht ökonomisch bemessen lässt, sich den Zwängen der Gier entziehen und das Loblied der Schöpfung singen, sich freuend an allen Sinnen und mit allen Sinnen! Dazu muss der Schöpfung und all den Geschöpfen ein Eigenwert zukommen, gegen einen despotischen Anthropozentrismus, der die Welt nur vom Menschen aus bewertet und bemisst.

Diese Enzyklika ist Satz für Satz zu bedenken. Sie ist außerordentlich bedenkenswert. Der Mensch habe nach biblischem Verständnis die Erde zu bebauen und dabei zu bewahren. Diese Enzyklika ist ein Trompetenweckruf für eine unmittelbar und langfristig gefährdete Welt, eine Hoffnungsfanfare für menschliche Einsicht und Mitfühlsamkeit und eine Lockflöte in ein einfacheres, reicheres, gerechteres, unmittelbareres Leben. Es geht ums Elementare, um Trinkwasser für Mensch und Tier, um Energieerzeugung und -verbrauch, der möglichst wenig schädlich ist für die Atmosphäre, es geht um einen Ackerboden, der überall Brot bringt,

um die Meere, die nicht weiter überfischt werden, um Nutztiere, die beim "Produzieren" nicht gequält werden, um den Vogelgesang und den Menschen, der die Musik des Lebens in sich spürt und berauschende Musik zu machen weiß. Das Leben ist schön. Das Leben, unser Leben, ist endlich. Aber diese Welt dürfen wir nicht durch unsere Lebensart ans Ende bringen.

 

Dafür hat Franziskus sich selber kundig gemacht, fachlichen Rat umfassend gesucht und sich die Problemfelder der Zukunft selber angeeignet. Er hat das Erbe des Franziskus aufgegriffen und aktualisiert. Er hat alles einleuchtend formuliert, sich aufs Wesentliche konzentriert und die Dringlichkeit des anderen Handelns und des Umdenkens annonciert. Er hat die ökologischen Fragen mit den sozialen Fragen verbunden und viele Konkretionen gewagt.


Noch ist Zeit. Aber sie wird zur Frist, wenn es nicht zu einem entschiedenen Umsteuern in der Welt kommt.

Er begegnet jetzt schon den Zynikern und denen, die sich darüber lustig machen, daß der Papst sich in Sachen einmischt, von denen er „keine Ahnung“ habe und die „ihn auch nichts angingen“.


Nein! Nein! Nein! Das muß ihn uns uns alle angehen. Er ermuntert dazu, fröhlich zu singen "Laudato si, o mi signore, laudato si" - der Herr sei gepriesen für den wunderbaren Reichtum seiner Schöpfung, die er uns Menschen anvertraut hat. Dieser Papst spricht nicht nur die 1,2 Milliarden Katholiken in der Welt an, sondern alle Menschen, die guten Willens sind und die auch wollen, daß diese Welt gut bewohnbarer Lebensort bleibt: für Schimpansen und Menschen, für Wale und Wölfe, Afrikaner und Europäer, für Gläubige und für Skeptiker. Vor allem für alle die wissen, daß man Geld nicht essen kann. Auf dem Wege nach Paris mögen tausende und abertausende Menschen aus aller Welt pilgern und der Umweltkonferenz Druck machen, daß nicht wieder ein teures Tagungsscheitern organisiert wird. In Paris lagern keine fiktiven Gebeine des Jakobus, sondern da liegt der Schlüssel für ein unsere Schöpfung schützendes Abkommen. Auf dem Wege nach Paris ist eine nicht unwichtige Stimme der Christenheit laut geworden. Wird sie auf offene Ohren stoßen? Auf unsere!